Beim Wocheneinkauf locken bunte Aufkleber mit Sonderangeboten. Besonders bei beliebten Produkten greifen Verbraucher gerne zu, wenn der rote Rabattpreis deutlich unter dem üblichen liegt. Doch wer genau hinsieht, erlebt eine unangenehme Überraschung: Die vermeintlich günstige Packung enthält häufig weniger Inhalt als gewohnt. Dieses Phänomen nennt sich Shrinkflation – eine Preisstrategie, die auf den ersten Blick schwer zu durchschauen ist.
Wenn weniger plötzlich zum Standard wird
Seit Jahren dokumentiert die Verbraucherzentrale Hamburg versteckte Preiserhöhungen und vergibt regelmäßig die Auszeichnungen „Mogelpackung des Monats“ und „Mogelpackung des Jahres“. Die Beispiele sind zahlreich und betreffen Produkte aus allen Bereichen: Rama-Margarine schrumpfte von 500 auf 400 Gramm, Haribo Goldbären von 200 auf 175 Gramm, Pringles Chips von 200 auf 185 Gramm. Parallel dazu erscheinen die ursprünglichen Größen manchmal als Sonderangebot zu einem Preis, der nur geringfügig unter dem vorherigen Normalpreis liegt. Der psychologische Effekt funktioniert: Viele Käufer freuen sich über das vermeintliche Schnäppchen, ohne die tatsächliche Mengendifferenz wahrzunehmen.
Die Crux liegt im Detail. Wenn eine kleinere Packung für weniger Geld angeboten wird, scheint die Ersparnis auf den ersten Blick vorhanden zu sein. Rechnet man jedoch den Grundpreis um, zahlt man beim reduzierten Inhalt oft mehr pro 100 Gramm als zuvor. Diese Rechnung überspringen die meisten Verbraucher im hektischen Einkaufsalltag.
Warum höherpreisige Produkte besonders betroffen sind
Gerade bei Brotaufstrichen, Saucen und Süßigkeiten zeigt sich dieser Trend besonders deutlich. Die Paprika-Sauce von Homann gewann 2021 die zweifelhafte Auszeichnung „Mogelpackung des Jahres“ mit einer versteckten Preiserhöhung von 88 Prozent. Bei solchen Produkten achten Verbraucher eher auf den Gesamtpreis als auf die Füllmenge. Die Packungen sehen auf den ersten Blick identisch aus – gleiche Form, ähnliches Design, vertrautes Etikett. Nur die kleine Angabe zum Nettoinhalt verrät die Wahrheit.
Hinzu kommt: Viele dieser Produkte werden selten nach Gewicht gekauft. Anders als bei Mehl oder Zucker haben die meisten Menschen kein klares Gefühl dafür, wie viel eine normale Portion tatsächlich wiegen sollte. Diese Unsicherheit nutzen Hersteller geschickt aus. Die Verpackungsgröße bleibt äußerlich nahezu gleich, sodass die Mengenreduzierung im Regal nicht auffällt.
Die Kunst der Verpackungsgestaltung
Moderne Verpackungen sind Meisterwerke der Täuschung – meist ganz legal. Eine Packung kann durch eine dickere Bodenwölbung, breitere Wandstärke oder einen größeren Deckel optisch voluminöser wirken, ohne tatsächlich mehr Inhalt zu bieten. Das Mess- und Eichgesetz verbietet zwar Verbrauchertäuschung durch überdimensionierte Verpackungen, doch die genaue Definition liegt im Ermessen der Eichbehörden. Üblicherweise liegt eine Täuschung erst vor, wenn Verpackungen ohne nachweisbaren Grund mehr als 30 Prozent Luft aufweisen.
Besonders raffiniert wird es bei Doppelpackungen oder Aktionsgrößen. „Jetzt 20 Prozent mehr Inhalt“ klingt verlockend – doch mehr als was? Wenn die neue „Vorteilsgröße“ tatsächlich weniger enthält als die ursprüngliche Standardgröße vor der ersten Reduktion, ist der vermeintliche Vorteil keiner. Solche Werbeaussagen bleiben rechtlich meist im grünen Bereich, weil sie sich auf die aktuell kleinere Standardgröße beziehen.
Grundpreise als Orientierungshilfe
Die verlässlichste Methode, um Mogelpackungen zu erkennen, ist der Blick auf den Grundpreis. Dieser findet sich auf dem Preisschild – meist in kleinerer Schrift unter dem Gesamtpreis. Der Grundpreis sollte pro 100 Gramm oder pro Kilogramm ausgewiesen sein und ermöglicht einen direkten Vergleich zwischen verschiedenen Packungsgrößen.
Ein praktisches Beispiel: Kostet eine 180-Gramm-Packung 2,69 Euro, ergibt das einen Grundpreis von etwa 14,94 Euro pro Kilogramm. Eine 200-Gramm-Packung für 2,99 Euro liegt bei 14,95 Euro pro Kilogramm. Der Unterschied ist minimal, doch die kleinere Packung wirkt durch den niedrigeren Gesamtpreis attraktiver. Diese Cent-Differenzen summieren sich über viele Einkäufe zu spürbaren Beträgen.
Verschiedene Darstellungsformen verstehen
Nicht alle Geschäfte nutzen dieselbe Darstellung. Manche Discounter geben den Grundpreis pro 100 Gramm an, andere pro Kilogramm. Bei Produkten, die in relativ kleinen Mengen verkauft werden, ist die 100-Gramm-Angabe übersichtlicher. Wer zwischen verschiedenen Läden vergleichen möchte, sollte diese Unterschiede im Kopf umrechnen können oder das Smartphone zur Hilfe nehmen.
Sonderangebote kritisch hinterfragen
Rabattaktionen sind nicht grundsätzlich unseriös. Viele Händler bieten tatsächlich echte Preisnachlässe. Doch gerade bei Markenprodukten lohnt der genaue Blick. Wurde die Grammzahl kürzlich reduziert? Gibt es verschiedene Größen desselben Produkts im Regal? Falls ja, welche ist tatsächlich günstiger?

Ein weiterer Trick: Das Sonderangebot bezieht sich auf eine neue, kleinere Packungsgröße, während die größere Variante zeitgleich aus dem Sortiment verschwindet. Nach Ende der Aktion bleibt nur noch die kleinere Packung zum höheren Normalpreis. Der Verbraucher hat sich bereits an die neue Größe gewöhnt und bemerkt die schleichende Preissteigerung kaum.
Dokumentation und Preisgedächtnis entwickeln
Wer regelmäßig die gleichen Produkte kauft, sollte sich Notizen machen. Eine einfache Liste am Kühlschrank oder in einer Handy-App hilft: Welche Grammzahl hatte die letzte gekaufte Packung? Was kostete sie? Schon nach wenigen Wochen entwickelt sich ein Gefühl für faire Preise und realistische Füllmengen.
Fotografieren der Produktrückseite kann ebenfalls aufschlussreich sein. Die Nährwerttabelle gibt nicht nur Auskunft über Inhaltsstoffe, sondern auch über die Portionsgrößen. Wenn plötzlich mit kleineren Portionen gerechnet wird, obwohl die Packung ähnlich groß aussieht, ist das ein Warnsignal.
Rechtliche Grauzonen und Verbraucherschutz
Gesetzlich sind Hersteller verpflichtet, den Nettoinhalt klar und deutlich anzugeben. Die Schriftgröße muss lesbar sein, die Platzung eindeutig. Was jedoch nicht geregelt ist: Die Hersteller müssen nicht darauf hinweisen, wenn sie die Füllmenge reduzieren. Eine Kennzeichnung wie „Neue Rezeptur – jetzt mit weniger Inhalt“ gibt es verständlicherweise nicht.
Verbraucherzentralen dokumentieren solche Fälle regelmäßig und stellen sie öffentlich an den Pranger. Seit 17 Jahren sammelt die Verbraucherzentrale Hamburg Beispiele für versteckte Preiserhöhungen. Diese Transparenz hilft, doch die Geschwindigkeit, mit der neue Packungsgrößen eingeführt werden, übersteigt oft die Möglichkeiten der Kontrollinstanzen. Eigenverantwortung bleibt daher das wirksamste Werkzeug.
Warum Shrinkflation zunimmt
Das Phänomen der Shrinkflation ist keine neue Entwicklung. Der Begriff wurde bereits 2009 von Pippa Malmgren geprägt. Seit 2022 hat sich das Problem jedoch deutlich verschärft. Als Gründe nennen Experten erhöhte Energiekosten, gestiegene Personalkosten und Rohstoffpreissteigerungen. Statt die Verkaufspreise offen zu erhöhen, reduzieren viele Hersteller lieber die Füllmenge – eine Strategie, die für Verbraucher schwerer zu durchschauen ist.
Eine Studie des Verbraucherzentrale Bundesverbands zeigte, dass jährlich 1,4 Millionen Mülltonnen in Deutschland eingespart werden könnten, wenn Hersteller auf Mogelpackungen verzichten würden. Die überdimensionierten Verpackungen täuschen nicht nur über den Inhalt hinweg, sondern belasten auch die Umwelt unnötig.
Alternative Einkaufsstrategien entwickeln
Wer konsequent auf Grundpreise achtet, entdeckt oft überraschende Alternativen. Manchmal lohnt es sich, zu einem anderen Produkt zu greifen oder gleich eine größere Gebindegröße zu wählen, falls verfügbar. Großpackungen oder Vorratsgrößen bieten häufig deutlich bessere Konditionen pro Mengeneinheit.
Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle. Kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums werden Produkte häufig reduziert – dann allerdings meist mit ehrlichem Preisnachlass auf die tatsächlich vorhandene Menge. Diese Angebote sind oft die echten Schnäppchen, während die groß beworbenen Aktionen mit versteckter Mengenreduzierung arbeiten.
Was Verbraucher konkret tun können
Aufmerksamkeit ist die stärkste Waffe gegen Shrinkflation. Jeder bewusste Einkauf sendet ein Signal. Wenn Verbraucher Mogelpackungen im Regal stehen lassen und stattdessen ehrlich kalkulierte Alternativen wählen, reagiert der Markt. Hersteller beobachten genau, welche Produkte sich verkaufen und welche nicht.
- Grundpreise konsequent vergleichen, nie nur den Gesamtpreis betrachten
- Frühere Packungsgrößen mental oder schriftlich dokumentieren
- Bei auffälligen Veränderungen nachfragen oder Beschwerde bei Verbraucherzentralen einreichen
- Bewertungsportale und Verbraucherforen nutzen, um Erfahrungen auszutauschen
- Flexible bleiben und verschiedene Produktvarianten ausprobieren
Die versteckte Mengenreduzierung bei gleichbleibendem oder nur minimal gesenktem Preis ist eine dokumentierte Realität im modernen Einzelhandel. Von Haribo Goldbären über Rama-Margarine bis zu Pringles Chips – die Liste betroffener Produkte wächst stetig. Doch informierte Verbraucher können diese Mechanismen durchschauen und bessere Kaufentscheidungen treffen. Der Blick aufs Kleingedruckte kostet nur Sekunden, spart aber langfristig bares Geld und schützt vor den Tricks der Hersteller.
Inhaltsverzeichnis
