Jeder, der schon einmal einen Welpen großgezogen hat, kennt diesen Moment des Schreckens: Der kleine Vierbeiner hat etwas im Maul, was dort definitiv nicht hingehört. Ob Socken, Steine, Pflanzenteile oder Essensreste vom Boden – die ersten Lebensmonate eines Hundes gleichen oft einem ständigen Wettlauf gegen die Neugierde des Tieres. Doch hinter diesem scheinbar harmlosen Verhalten verbirgt sich ein ernstzunehmendes Risiko, das Hundehalter mit Wissen, Geduld und der richtigen Strategie meistern können.
Warum Welpen die Welt mit dem Maul erkunden
Das Verhalten hat seinen Ursprung in der natürlichen Entwicklung: Welpen durchlaufen zwischen der vierten und siebten Lebenswoche eine prägende Phase, in der sie ihre Umwelt intensiv erforschen. Ähnlich wie Menschenkinder, die alles in den Mund nehmen, nutzen junge Hunde ihre Zähne und Zunge als wichtiges Erkundungsinstrument. Dabei entwickeln sie gleichzeitig auch andere Kommunikationsfähigkeiten – bereits im Alter von sechs bis sieben Wochen nutzen gut sozialisierte Welpen Blickkontakt, um mit Menschen zu interagieren. Der Zahnwechsel, der etwa ab dem vierten Monat einsetzt, verstärkt den Kaudrang zusätzlich – das Kauen lindert den Juckreiz im Zahnfleisch und verschafft Erleichterung.
Doch es steckt mehr dahinter als nur physiologische Notwendigkeit. Welpen testen Grenzen aus, lernen durch Versuch und Irrtum und entwickeln so ihre kognitiven Fähigkeiten. Was für uns Menschen eine selbstverständliche Unterscheidung ist – essbar oder nicht essbar – muss ein junger Hund erst mühsam erlernen.
Die unterschätzten Gefahren im Haushalt
Die Liste potenzieller Gefahrenquellen ist erschreckend lang. Zimmerpflanzen wie Dieffenbachie, Alpenveilchen oder der beliebte Weihnachtsstern können bei Welpen zu schweren Vergiftungen führen. Bereits kleine Mengen reichen aus, um Erbrechen, Durchfall oder neurologische Symptome auszulösen.
Besonders heimtückisch sind Lebensmittel, die für Menschen ungefährlich, für Hunde jedoch hochgiftig sind. Schokolade enthält Theobromin, das beim Hund nur sehr langsam abgebaut wird und Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Weintrauben führen zu Nierenversagen, wobei die genaue Ursache der Wissenschaft noch Rätsel aufgibt. Xylit, ein Zuckeraustauschstoff in Kaugummis und Backwaren, kann bereits in geringen Dosen lebensgefährliche Unterzuckerungen auslösen.
Nicht zu unterschätzen sind auch mechanische Risiken: Kleine Spielzeugteile, Knöpfe, Münzen oder Knochensplitter können die Speiseröhre blockieren oder den Darm perforieren. Fremdkörper im Verdauungstrakt zählen zu den häufigsten Notfalloperationen bei Junghunden.
Der Trainingsansatz: Impulskontrolle statt Verbote
Viele Hundehalter setzen auf ein einfaches „Nein“, wenn der Welpe etwas Unerwünschtes aufnimmt. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. Nachhaltiger ist es, dem Tier von Anfang an beizubringen, erst um Erlaubnis zu fragen, bevor es etwas frisst. Das Signal „Warte“ oder „Lass es“ wird systematisch aufgebaut, indem der Welpe lernt, dass Selbstbeherrschung belohnt wird.
Ein effektives Übungsszenario: Legen Sie ein Leckerli auf den Boden und decken Sie es mit Ihrer Hand ab. Sobald der Welpe das Interesse verliert und zurückweicht, kommt die Belohnung – allerdings nicht das abgedeckte Leckerli, sondern ein noch attraktiveres aus Ihrer anderen Hand. Der Hund lernt so: Verzicht lohnt sich, und die Entscheidung liegt beim Menschen.
Das „Tausch-Prinzip“ als Lebensretter
Aggressives Entreißen von Gegenständen führt häufig dazu, dass Welpen ihr „Diebesgut“ hastig hinunterschlucken – genau das Gegenteil des gewünschten Effekts. Trainieren Sie stattdessen von Beginn an einen fairen Tausch: Der Welpe gibt den Gegenstand freiwillig her und erhält dafür etwas Wertvolles zurück. Nutzen Sie dafür das Kommando „Aus“ und belohnen Sie jede freiwillige Herausgabe überschwänglich.

Wichtig ist die Rückgabe des Gegenstands nach dem Tausch – zumindest bei ungefährlichen Dingen. So lernt der Hund, dass „Aus“ nicht bedeutet, etwas für immer zu verlieren. Diese Übung baut Vertrauen auf und verhindert, dass der Welpe mit seiner „Beute“ flüchtet.
Präventive Maßnahmen: Die Umgebung welpensicher gestalten
Selbst das beste Training ersetzt keine durchdachte Prävention. Sichern Sie Ihren Haushalt ähnlich wie für ein Kleinkind: Medikamente, Putzmittel und Chemikalien gehören in verschlossene Schränke. Kabel können mit Bitterspray behandelt oder durch Kabelkanäle geschützt werden. Prüfen Sie Ihre Zimmerpflanzen und verbringen Sie giftige Exemplare außer Reichweite.
Im Garten lauern zusätzliche Gefahren: Schneckenkorn, Düngemittel und bestimmte Mulcharten können toxisch sein. Besondere Vorsicht ist bei Komposthaufen geboten, in denen sich beim Zersetzungsprozess Giftstoffe bilden können. Die richtige Kauausstattung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Bieten Sie Ihrem Welpen legale Kaualternativen an, die seinen natürlichen Bedürfnissen gerecht werden. Geeignet sind speziell für Welpen konzipierte Kauspielzeuge aus robustem Material, gefüllte Kong-Spielzeuge oder getrocknete Kauartikel wie Rinderkopfhaut. Vermeiden Sie gekochte Knochen, die splittern können, und beaufsichtigen Sie Ihren Hund beim Kauen stets.
Rotation ist dabei das Geheimnis: Bieten Sie nicht alle Spielzeuge gleichzeitig an, sondern wechseln Sie regelmäßig. So bleibt jedes Objekt interessant und konkurriert erfolgreich mit unerwünschten Alternativen.
Spaziergänge als Hochrisikosituation
Unterwegs potenziert sich die Gefahr: Essensreste, Giftköder, Tierkadaver oder mit Rattengift präparierte Köder können für Welpen zur tödlichen Falle werden. Das Training eines zuverlässigen „Nein“ oder „Lass es“ ist hier überlebenswichtig. Üben Sie zunächst in ablenkungsarmer Umgebung und steigern Sie die Schwierigkeit schrittweise.
Maulkörbe oder spezielle Anti-Giftköder-Trainings können in besonders gefährdeten Gebieten sinnvoll sein. Hundeschulen bieten mittlerweile spezialisierte Kurse an, die Hunde darauf konditionieren, Fressbares am Boden grundsätzlich zu ignorieren.
Notfallmanagement: Wenn es doch passiert
Trotz aller Vorsicht kann es passieren: Der Welpe hat etwas gefressen, was er nicht sollte. Bewahren Sie Ruhe und handeln Sie strukturiert. Notieren Sie, was aufgenommen wurde und in welcher Menge. Kontaktieren Sie umgehend Ihren Tierarzt oder den tierärztlichen Notdienst – auch nachts und am Wochenende.
Lösen Sie niemals eigenmächtig Erbrechen aus, ohne tierärztlichen Rat. Bei ätzenden Substanzen kann dies die Speiseröhre zusätzlich schädigen. Halten Sie die Nummer der Giftnotrufzentrale für Tiere griffbereit: Sie bietet rund um die Uhr kompetente Beratung.
Die ersten Lebensmonate mit einem Welpen fordern Wachsamkeit, Konsequenz und eine gehörige Portion Geduld. Doch die Investition in sorgfältiges Training und eine sichere Umgebung zahlt sich aus: Sie schützen nicht nur das Leben Ihres vierbeinigen Familienmitglieds, sondern legen den Grundstein für einen entspannten, vertrauensvollen Umgang, der ein ganzes Hundeleben lang trägt. Jeder bewusste Schritt, jede trainierte Impulskontrolle und jede gesicherte Gefahrenquelle bedeutet mehr Sicherheit für das Tier, das uns bedingungslos vertraut und dessen Wohlergehen in unseren Händen liegt.
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