Sie essen doppelt so viel wie angegeben: Was Granola-Hersteller auf der Verpackung verschleiern

Beim Blick auf die Verpackung wirkt es wie die perfekte Wahl für einen gesunden Start in den Tag: knuspriges Granola mit Nüssen, Haferflocken und einer dezenten Süße. Die Nährwerttabelle zeigt moderate Werte, die Werbeversprechen klingen verlockend. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt ein weit verbreitetes Problem, das viele Frühstücksprodukte betrifft: Die angegebenen Portionsgrößen haben mit der Realität oft wenig zu tun.

Das Spiel mit den Miniportionen

Die Crux liegt in den Details der Nährwerttabelle. Während dort beispielsweise 30 oder 40 Gramm als Portionsgröße angegeben werden, entspricht dies in der Praxis oft nur zwei bis drei Esslöffeln. Wer morgens eine normale Schüssel Granola isst, konsumiert schnell das Doppelte oder Dreifache dieser Angabe – und damit auch ein Vielfaches der ausgewiesenen Kalorien und des Zuckergehalts.

Eine bundesweite Umfrage der Verbraucherzentralen mit 1.490 Teilnehmern brachte das Ausmaß ans Licht: Menschen konsumieren beim Müsli durchschnittlich 81 Gramm, während Hersteller nur 40 Gramm als Portion angeben. Die tatsächlich verzehrte Menge liegt also bei mehr als dem Doppelten. Bei dieser Menge sieht die Nährstoffbilanz plötzlich ganz anders aus. Was auf der Verpackung als moderater Snack mit 150 Kalorien erscheint, wird zur 300-Kalorien-Mahlzeit mit einem Zuckergehalt, der dem von Süßigkeiten nahekommt.

Zucker versteckt sich hinter gesundem Image

Besonders problematisch wird es beim Zuckergehalt. Analysen zeigen, dass große Marken oft nicht weniger als 25 Gramm Zucker auf 100 Gramm Granola enthalten. Viele Produkte bewegen sich in einem Bereich zwischen 15 und 25 Gramm pro 100 Gramm. Bei einer angegebenen Portion von 30 Gramm erscheinen dann nur 4,5 bis 7,5 Gramm Zucker in der Tabelle – ein Wert, der noch akzeptabel wirkt. Verdoppelt oder verdreifacht sich die tatsächlich verzehrte Menge, landen schnell 15 bis 20 Gramm Zucker in der Schüssel. Das entspricht etwa vier bis fünf Teelöffeln Zucker – noch vor dem Mittagessen.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, dass einfacher Zucker nicht mehr als 10 Prozent der täglichen Gesamtenergiezufuhr ausmachen soll. Eine realistische Granola-Portion kann bereits einen Großteil dieser Menge ausschöpfen, ohne dass dies auf den ersten Blick erkennbar ist.

Warum unrealistische Portionen zum Standard wurden

Die Festlegung von Portionsgrößen unterliegt keiner strengen gesetzlichen Regulierung. Nach deutschem und EU-Recht müssen Nährwerte zwar auf 100 Gramm angegeben werden, doch darüber hinaus haben Hersteller große Freiheit. Sie können zusätzlich freiwillige Portionsangaben machen und dabei weitgehend selbst entscheiden, welche Menge sie als Portion definieren. Wie eine Verbraucherschützerin im Interview mit dem Deutschlandfunk feststellte: Es gibt gar keine Einheitlichkeit, jeder macht das so, wie er will.

Diese Freiheit wird systematisch genutzt, um Produkte nährstofftechnisch besser dastehen zu lassen, als sie tatsächlich sind. Besonders bei Produkten, die als gesund vermarktet werden, entsteht so ein Widerspruch zwischen Image und Realität. Das knusprige Müsli suggeriert einen nahrhaften, ausgewogenen Start in den Tag, während die tatsächlichen Nährwerte bei realistischer Verzehrmenge eher an ein Dessert erinnern.

Der Vergleich mit anderen Lebensmitteln offenbart das Ausmaß

Um die Dimension zu verdeutlichen: Eine typische Portion Granola von 70 Gramm kann mehr Zucker enthalten als zwei Schokoriegel. Der Kaloriengehalt übertrifft nicht selten den von zwei Scheiben Weißbrot mit Marmelade. Der Unterschied liegt darin, dass niemand Schokoriegel als gesundes Frühstück bezeichnen würde, während Granola genau diese Positionierung genießt.

Diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit führt dazu, dass Verbraucher unbewusst deutlich mehr Kalorien und Zucker konsumieren, als sie annehmen. Wer auf seine Ernährung achtet und bewusst zu vermeintlich gesunden Alternativen greift, kann durch solche irreführenden Angaben seine eigenen Ernährungsziele konterkarieren.

So erkennen Sie realistische Nährwertangaben

Der erste Schritt zu mehr Durchblick ist die Gewöhnung an reale Maßstäbe. Stellen Sie eine Küchenwaage bereit und wiegen Sie einmal ab, wie viel Granola Sie tatsächlich in Ihre Schüssel geben. Diese einfache Übung öffnet oft die Augen und macht die Diskrepanz zwischen Portionsangabe und Realität deutlich sichtbar.

Konzentrieren Sie sich bei der Bewertung grundsätzlich auf die Nährwertangaben pro 100 Gramm. Diese sind standardisiert und ermöglichen einen direkten Vergleich zwischen verschiedenen Produkten. Ignorieren Sie die Portionsangaben für die erste Einschätzung komplett – sie dienen primär Marketingzwecken, nicht der realistischen Orientierung.

Auf diese Werte sollten Sie achten

  • Zuckergehalt: Kritisch wird es ab 15 Gramm pro 100 Gramm. Alles darüber liegt im Bereich von Süßwaren. Optimal sind Werte unter 10 Gramm.
  • Kaloriengehalt: Granola ist aufgrund der Nüsse und des zugesetzten Öls oder Honigs kalorienreich. Werte zwischen 400 und 500 Kilokalorien pro 100 Gramm sind üblich. Bei mehr als 500 sollten Alarmglocken läuten.
  • Ballaststoffe: Ein qualitativer Indikator. Gute Produkte liefern mindestens 6 bis 8 Gramm Ballaststoffe pro 100 Gramm.
  • Fettgehalt: Fett an sich ist nicht das Problem, die Qualität zählt. Ein hoher Gehalt an gesättigten Fettsäuren deutet auf zugesetzte Fette minderer Qualität hin.

Die Psychologie hinter kleinen Portionen

Hersteller setzen bewusst auf die psychologische Wirkung niedriger Zahlen. Eine Portion mit 120 Kalorien klingt nach einer leichten, verantwortungsbewussten Wahl. Diese Zahlen prägen sich ein und beeinflussen die Kaufentscheidung, selbst wenn Verbrauchern theoretisch klar ist, dass sie mehr essen werden.

Zudem wird die vermeintliche Gesundheit des Produkts durch weitere Marketingstrategien unterstrichen: Bilder von frischem Obst, Begriffe wie natürlich oder vollwertig, und Verweise auf enthaltene Vitamine oder Proteine. In Kombination mit den scheinbar moderaten Nährwerten der Miniportionen entsteht ein Gesamtbild, das kritisches Hinterfragen erschwert. Wie Verbraucherschützer betonen, werden diese Portionsangaben gerade auf die Schauseite des Produktes gestellt, wo sie besonders wirksam sind.

Praktische Alternativen für ein ausgewogenes Frühstück

Wer nicht auf die knusprige Textur verzichten möchte, kann die Granola-Menge bewusst reduzieren und mit anderen Zutaten kombinieren. Ernährungsexperten empfehlen, Granola nicht pur zum Frühstück zu essen, sondern es als Topping oder Snack in kleinen Portionen zu genießen – etwa 30 Gramm pro Portion. Zwei Esslöffel als Topping auf Joghurt mit frischem Obst liefern Geschmack und Textur, ohne die Zuckerbilanz zu sprengen.

Eine weitere Option besteht darin, selbst Hand anzulegen. Selbstgemachtes Granola ermöglicht die vollständige Kontrolle über Zutaten und Süßungsmittel. Wer sein Granola selbst zubereitet, kann verhindern, dass es zur Zuckerbombe und Kalorienfalle wird. Haferflocken, Nüsse, etwas Honig oder Ahornsirup und eine Prise Zimt ergeben bereits eine solide Basis, die im Ofen gebacken wird. Ein gutes Granola enthält zu gut 50 Prozent Vollkorngetreide oder Pseudogetreide, und das Süßmittel sollte nicht mehr als ein Viertel des Rezepts ausmachen. Der Aufwand hält sich in Grenzen, und das Ergebnis schmeckt nicht nur besser, sondern ist auch transparenter in seiner Zusammensetzung.

Klassische Haferflocken bieten eine nährstoffreiche Grundlage ohne versteckten Zucker. Mit frischem Obst, Nüssen und einem Hauch natürlicher Süße entsteht ein Frühstück, das wirklich hält, was Granola nur verspricht.

Forderungen nach mehr Transparenz

Verbraucherschützer fordern seit Jahren einheitliche Standards für Portionsangaben. Die Verbraucherzentralen appellieren an Hersteller, bei nicht portionierbaren Produkten auf Portionsangaben zu verzichten oder zumindest realistische Mengen anzugeben. Eine gesetzliche Regelung, die realistische Verzehrmengen als Grundlage nimmt, würde die Vergleichbarkeit erhöhen und irreführende Praktiken eindämmen. Bis dahin liegt es an aufgeklärten Konsumenten, die Marketingtricks zu durchschauen und informierte Entscheidungen zu treffen.

Die gute Nachricht: Mit etwas Übung wird der Blick für realistische Nährwerte geschärft. Wer einmal verstanden hat, wie das Spiel mit den Portionsgrößen funktioniert, lässt sich nicht mehr so leicht täuschen. Die Investition von wenigen Minuten beim Einkauf zahlt sich durch bessere Ernährungsentscheidungen langfristig aus. Gesundes Frühstück beginnt mit ehrlichen Informationen, und nur wer weiß, was wirklich im Produkt steckt und wie viel davon auf dem Teller landet, kann bewusste Entscheidungen treffen. Granola kann Teil einer ausgewogenen Ernährung sein – solange die Menge stimmt und die Erwartungen realistisch bleiben.

Wie viel Gramm Granola isst du wirklich zum Frühstück?
Keine Ahnung wiege nie ab
Um die 40 Gramm wie angegeben
Eher 60 bis 80 Gramm
Locker über 100 Gramm
Esse kein Granola

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