Warum manche Leute nicht aufhören können, von ihrem Job-Erfolg zu erzählen – und was das wirklich bedeutet
Du kennst das garantiert: Du triffst dich mit einem alten Bekannten auf einen Kaffee, und keine fünf Minuten später weißt du bereits, dass er gerade befördert wurde, sein Gehalt um zwanzig Prozent gestiegen ist und er jetzt ein Team von fünfzehn Leuten leitet. Oder diese Kollegin, die bei jeder Gelegenheit – und ich meine wirklich jeder – ihren neuen Titel ins Gespräch einbaut. Selbst wenn ihr über das Wetter redet.
Was zum Teufel läuft da ab? Sind diese Menschen einfach nur arrogante Angeber? Nö, nicht unbedingt. Die Psychologie hat nämlich eine ziemlich spannende Erklärung dafür, warum manche Leute ihr berufliches Leben wie eine Dauerwerbesendung präsentieren. Und spoiler: Es hat meistens verdammt wenig mit echtem Selbstbewusstsein zu tun. Eher im Gegenteil.
Willkommen in der Welt der Leistungsmotive – oder: Warum Erfolg zur Droge wird
Um das Ganze zu verstehen, müssen wir kurz in die Motivationspsychologie eintauchen. Keine Sorge, wird nicht langweilig. Der Psychologe David McClelland hat in den 1960er und 1980er Jahren rausgefunden, dass Menschen im Grunde von drei großen psychologischen Motiven angetrieben werden: dem Leistungsmotiv, dem Machtmotiv und dem Anschlussmotiv. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich simpel.
Das Leistungsmotiv treibt uns an, Ziele zu erreichen und besser zu werden. Das Machtmotiv macht uns zu Menschen, die Einfluss haben und andere beeindrucken wollen. Und das Anschlussmotiv sorgt dafür, dass wir Freundschaften pflegen und dazugehören möchten. Jeder Mensch hat alle drei Motive, aber in unterschiedlicher Ausprägung.
Bei den Leuten, die ständig ihre Karriere-Erfolge zur Schau stellen, ist meist das Leistungs- oder Machtmotiv so was von durch die Decke gegangen. Diese Menschen brauchen Erfolg nicht nur – sie müssen auch sicherstellen, dass alle anderen davon erfahren. Es reicht ihnen nicht, heimlich kompetent zu sein. Nein, die ganze Welt muss es mitkriegen.
Das Problem mit dem Leistungsmotiv: Es hat zwei Gesichter
Hier wird es richtig interessant. McClelland fand heraus, dass das Leistungsmotiv zwei Seiten hat: die Hoffnung auf Erfolg und die Furcht vor Misserfolg. Die erste Seite ist cool – sie pusht dich, Dinge zu erreichen und dich weiterzuentwickeln. Aber die zweite Seite? Die kann echt übel werden.
Menschen, die von der Furcht vor Misserfolg getrieben werden, leben in ständiger Angst, nicht gut genug zu sein. Jeder Erfolg, den sie erwähnen, ist wie ein Schutzschild gegen diese innere Panik. Sie sammeln Erfolge wie andere Leute Pokémon-Karten – und müssen sie dann permanent vorzeigen, um sich selbst zu beweisen: Siehst du? Ich bin wertvoll. Ich bin etwas wert. Ich habe es geschafft.
Das erklärt, warum diese Leute oft nicht aufhören können zu prahlen, selbst wenn es mega awkward wird. Es geht nicht darum, dich zu beeindrucken oder dich klein zu machen. Es geht darum, die eigene innere Unsicherheit zu übertönen. Mit jedem erwähnten Projekt, jeder genannten Beförderung versuchen sie verzweifelt, sich selbst davon zu überzeugen, dass sie okay sind.
Wenn das Machtmotiv auch noch mitmischt
Manchmal kommt noch ein weiterer Player ins Spiel: das Machtmotiv. Menschen mit starkem Machtmotiv wollen nicht nur erfolgreich sein – sie wollen auch, dass andere zu ihnen aufschauen. Sie brauchen dieses Gefühl von Einfluss und Status wie die Luft zum Atmen.
Wenn sich Leistungs- und Machtmotiv verbinden, entsteht der perfekte Sturm. Diese Person braucht nicht nur Erfolg, sondern auch die Bewunderung und Anerkennung anderer. Sie sucht nicht einfach nur Bestätigung – sie will einen Platz ganz oben in der sozialen Rangordnung.
McClellands Forschung zeigt: Menschen mit hohem Machtmotiv streben oft nach Positionen, in denen sie andere beeinflussen können. Aber das bloße Haben von Macht reicht ihnen nicht. Sie müssen auch zeigen, dass sie sie haben. Daher das ständige Name-Dropping von wichtigen Kontakten, das Erwähnen von Budgetverantwortung oder die wenig subtilen Hinweise darauf, wie viele Leute ihnen berichten.
Der bedingte Selbstwert: Wenn Liebe an Leistung gekoppelt war
Okay, aber woher kommt diese ganze Nummer? Warum sind manche Menschen so krass abhängig von äußerer Bestätigung? Die Antwort liegt oft – Überraschung – in der Kindheit.
Viele Menschen, die als Erwachsene ihre Erfolge permanent betonen, haben früh gelernt, dass Anerkennung und Zuneigung an Leistung gekoppelt sind. Vielleicht waren die Eltern nur dann richtig stolz, wenn eine Eins nach Hause gebracht wurde. Vielleicht gab es Lob nur für sportliche Siege oder künstlerische Erfolge. Vielleicht wurde Liebe – bewusst oder unbewusst – als etwas vermittelt, das man sich verdienen muss.
Diese Kinder lernen eine ziemlich beschissene Lektion: Mein Wert als Person hängt davon ab, was ich erreiche. Nicht wer ich bin, sondern was ich tue, macht mich liebenswert. Dieser sogenannte bedingte Selbstwert begleitet sie dann ins Erwachsenenleben, wo sie ständig nach externer Validierung jagen müssen.
Jede Beförderung, jeder Erfolg wird zum verzweifelten Versuch, sich selbst zu beweisen: Jetzt bin ich es wert, geliebt zu werden. Jetzt bin ich endlich gut genug. Aber hier ist der Haken: Es reicht nie. Kein Erfolg der Welt kann diese innere Leere wirklich füllen.
Was die Wissenschaft über Erfolg und Persönlichkeit weiß
Eine krass spannende Langzeitstudie von den Forschern Hirschi, Shockley und Lee, die 2021 im Journal of Vocational Behavior veröffentlicht wurde, bringt noch einen weiteren Aspekt ans Licht. Die Wissenschaftler haben über 1400 Menschen über fünfzehn Jahre begleitet und dabei rausgefunden: Beruflicher Erfolg verändert tatsächlich unsere Persönlichkeit.
Menschen, die beruflich erfolgreich sind, werden emotional stabiler – aber gleichzeitig weniger extrovertiert. Klingt paradox, oder? Warum sollten erfolgreiche Menschen, die ständig von ihren Errungenschaften erzählen, weniger extrovertiert sein?
Die Antwort: Kompensation. Menschen, die innerlich unsicher sind und das durch Erfolgsprahlen ausgleichen, wirken nach außen super extrovertiert und selbstbewusst. Aber diese zur Schau gestellte Extraversion ist oft nur eine Maske. Dahinter versteckt sich Unsicherheit.
Die Studie legt nahe, dass echter beruflicher Erfolg Menschen tatsächlich beruhigt. Sie haben weniger das Bedürfnis, sich ständig zu beweisen. Die ständigen Erfolgsbetoner befinden sich also möglicherweise in einem Zwischenstadium: Sie haben zwar Erfolge erreicht, aber diese haben ihre innere Unsicherheit noch nicht geheilt. Also müssen sie weiter sammeln, weiter erzählen, weiter beweisen.
Das Problem mit rein äußerlichem Erfolg
Paul Wong, ein ziemlich renommierter Psychologe in der Positiven Psychologie, hat einen entscheidenden Punkt hervorgehoben: Viele erfolgreiche Menschen priorisieren äußeren Erfolg über innere Erfüllung. Sie rennen die Karriereleiter hoch, sammeln Titel und fette Gehälter – aber fühlen sich innerlich komplett leer.
Das erklärt eine weitere Dimension des ganzen Erfolgsgeprables: Es ist oft ein verzweifelter Versuch, die innere Leere mit äußeren Errungenschaften zu stopfen. Wenn dein gesamter Selbstwert von messbaren, externen Faktoren abhängt, entsteht ein endloser Kreislauf. Kein Erfolg reicht jemals aus, weil er die tieferliegende emotionale Bedürftigkeit nicht wirklich stillt.
Wong warnt auch: Rückschläge treffen Menschen mit leistungsabhängigem Selbstwert besonders brutal. Wenn dein gesamter Wert als Person an deine beruflichen Erfolge geknüpft ist, wird jeder Misserfolg zur existenziellen Krise. Das macht verständlich, warum diese Menschen so zwanghaft an ihrem Image festhalten – jedes Zugeständnis von Schwäche würde ihr gesamtes Selbstbild zum Einsturz bringen.
Die verschiedenen Typen von Erfolgsbetonern
Nicht alle Menschen, die von ihren Karrieren erzählen, ticken gleich. Es gibt verschiedene psychologische Profile, die du wahrscheinlich wiedererkennen wirst:
- Der Unsichere Überkompensator: Diese Person war früher vielleicht erfolglos oder wurde nie anerkannt. Jetzt, wo sie es geschafft hat, kann sie nicht aufhören, darüber zu reden – aus purer Erleichterung und dem Bedürfnis, die frühere Scham zu überschreiben.
- Der Status-Süchtige: Hier geht es weniger um persönliche Unsicherheit als um den Hunger nach sozialer Hierarchie. Diese Person definiert sich über ihren Platz in der Rangordnung und muss ständig sicherstellen, dass alle wissen, wo sie steht.
- Der Validierungs-Sucher: Diese Person hat nie gelernt, sich selbst Anerkennung zu geben. Sie braucht ständig externe Bestätigung und nutzt ihre Erfolge als Werkzeug, um diese zu bekommen.
- Der Angst-Getriebene: Tief im Inneren glaubt diese Person, dass sie jederzeit als Hochstapler entlarvt werden könnte – das sogenannte Impostor-Syndrom. Das ständige Betonen von Erfolgen ist ein Versuch, sich selbst und andere davon zu überzeugen, dass sie doch dazugehört.
Wie du damit umgehen kannst – und was du über dich selbst lernen kannst
Jetzt, wo du die psychologischen Mechanismen verstehst, kannst du beim nächsten Mal vielleicht etwas geduldiger sein. Hinter der nervigen Prahlerei steckt oft ein verletzter Mensch, der verzweifelt nach Bestätigung sucht. Das macht das Verhalten nicht weniger anstrengend, aber vielleicht etwas verständlicher.
Hier ein paar praktische Tipps: Zeige echtes Interesse, aber lenke das Gespräch auch auf andere Themen. Oft beruhigen sich Erfolgsbetoner, wenn sie merken, dass sie auch ohne ihre Titel geschätzt werden. Vermeide es, in einen Wettbewerb zu treten – das füttert nur ihr Bedürfnis nach Status-Bestätigung.
Und wenn du selbst merkst, dass du in einem Gespräch den Drang verspürst, deine eigenen Erfolge zu betonen, halte kurz inne und frage dich: Was suche ich gerade wirklich? Geht es um echtes Teilen von Freude oder um das verzweifelte Bedürfnis nach Anerkennung?
Der Selbstcheck: Wie sieht es bei dir aus?
Mal ehrlich: Sind wir nicht alle manchmal ein bisschen so? Die wenigsten von uns sind komplett frei von dem Bedürfnis nach Anerkennung. Die Frage ist nur, wie stark dieses Bedürfnis ist und wie stark es unser Verhalten bestimmt.
Hier ein kleiner Selbsttest: Wie fühlst du dich, wenn du einen Erfolg erzielst, aber niemand davon erfährt? Reicht dir das innere Gefühl der Erfüllung, oder fühlst du dich irgendwie unvollständig, bis andere davon wissen? Wie reagierst du auf die Erfolge anderer – mit echter Freude oder mit dem sofortigen Drang, deine eigenen Erfolge dagegenzusetzen?
Und die wichtigste Frage: Wer bist du, wenn du alle deine Titel, Positionen und Erfolge wegnimmst? Bleibt dann noch genug übrig, oder fühlst du dich nackt und wertlos?
McClellands Forschung legt nahe, dass wir alle eine Mischung dieser Motive in uns tragen. Der Schlüssel liegt darin, ein gesundes Gleichgewicht zu finden. Ein gewisses Leistungsmotiv ist großartig – es treibt uns an, zu wachsen und unser Potenzial auszuschöpfen. Aber wenn es zum alleinigen Fundament unseres Selbstwerts wird, stehen wir auf dünnem Eis.
Der Weg zu authentischem Selbstwert
Die gute Nachricht: Man kann lernen, seinen Selbstwert von äußeren Erfolgen zu entkoppeln. Das bedeutet nicht, dass Erfolg unwichtig wird – aber er definiert nicht mehr den gesamten Wert einer Person.
Dieser Prozess beginnt mit der Erkenntnis, dass du wertvoll bist, unabhängig von deinen Leistungen. Klingt nach Selbsthilfe-Gelaber? Ist es aber nicht. Es ist harte psychologische Arbeit, oft unterstützt durch Therapie oder intensive Selbstreflexion. Es bedeutet, sich mit den tiefen Überzeugungen auseinanderzusetzen, die man über sich selbst hat.
Menschen, die diesen Weg gehen, berichten oft von einer enormen Befreiung. Plötzlich müssen sie sich nicht mehr ständig beweisen. Erfolge werden zu etwas Schönem, das man genießt – aber nicht mehr zu etwas Existenziellem. Und paradoxerweise werden diese Menschen oft noch erfolgreicher, weil sie aus echter Motivation heraus handeln, nicht aus Angst.
Das große Ganze: Wir spielen alle mit
Bevor wir hier enden, lohnt sich ein Blick aufs große Ganze: Wir leben in einer Gesellschaft, die Erfolg vergötzt. Social Media hat diese Tendenz noch krass verstärkt. Überall werden wir bombardiert mit perfekt inszenierten Erfolgsgeschichten. Jeder scheint ständig befördert zu werden, zu reisen, zu wachsen, zu glänzen.
In diesem Kontext ist das ständige Betonen von Erfolgen vielleicht nicht nur ein individuelles psychologisches Phänomen, sondern auch ein Spiegel unserer Kultur. Wir alle stehen unter enormem Druck, zu performen und erfolgreich zu sein. Vielleicht sind die ständigen Erfolgsbetoner nur besonders ehrliche Vertreter eines Spiels, das wir alle spielen – manche nur subtiler als andere.
Die Person, die bei jedem Treffen ihre Beförderung erwähnt, ist also vielleicht weniger ein Einzelfall als ein Extrembeispiel für etwas, das in uns allen steckt: das Bedürfnis nach Anerkennung, die Angst vor Bedeutungslosigkeit, der verzweifelte Versuch, uns selbst zu beweisen, dass wir es wert sind.
Das nächste Mal, wenn dir jemand zum dritten Mal in zehn Minuten sein Gehalt unter die Nase reibt, denk daran – da spricht vielleicht nicht die Arroganz, sondern die Angst. Und wer weiß, vielleicht erkennst du in diesem Moment auch ein kleines Stück von dir selbst wieder. Denn am Ende sind wir alle nur Menschen, die versuchen, uns in dieser verrückten Welt als wertvoll zu fühlen – manche eben lauter als andere.
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