Das sind die Persönlichkeitsmerkmale von Menschen, die chronisch schlecht schlafen, laut Psychologie

Warum du nachts wach liegst und dein Gehirn Party feiert: Die Wissenschaft hinter chronisch miesem Schlaf

Es ist drei Uhr morgens. Du starrst an die Decke. Dein Gehirn entscheidet genau jetzt, dass es der perfekte Zeitpunkt ist, um dieses peinliche Gespräch von vor sieben Jahren noch mal durchzukauen. Oder um die komplette To-Do-Liste für nächste Woche zu erstellen. Oder um dir Sorgen darüber zu machen, dass du nicht schlafen kannst, was dich natürlich noch weniger schlafen lässt. Herzlich willkommen im Club der Menschen, deren Gehirn offenbar vergessen hat, dass Nächte zum Schlafen da sind.

Falls du dich fragst, warum ausgerechnet du zu denen gehörst, die sich Nacht für Nacht von einer Seite zur anderen wälzen, während andere Menschen anscheinend auf Knopfdruck wegpennen können – die Wissenschaft hat endlich eine Antwort. Und nein, du bist nicht einfach nur verdammt oder verflucht. Es hat tatsächlich mit deiner Persönlichkeit zu tun.

Die niederländische Entdeckung, die alles verändert hat

Der niederländische Neurowissenschaftler Professor Eus van Someren und sein Team haben etwas ziemlich Geniales herausgefunden: Schlaflosigkeit ist nicht gleich Schlaflosigkeit. In einer großangelegten Studie mit über zweitausend Teilnehmern haben die Forscher fünf verschiedene Typen von chronischer Schlaflosigkeit identifiziert. Das Verrückte daran? Diese Typen basieren auf Persönlichkeitsmerkmalen und unterschiedlichen Gehirnmustern.

Die Forscher haben nicht einfach nur Leute gefragt, wie schlecht sie schlafen. Sie haben mit maschinellem Lernen Fragebogendaten ausgewertet und das Ganze dann mit neurophysiologischen Messungen abgeglichen. Dabei schauten sie sich an, wie das Gehirn dieser Menschen funktioniert, besonders das limbische System – also der Teil deines Gehirns, der für Emotionen zuständig ist und der bei chronisch schlechten Schläfern offenbar Überstunden macht.

Was dabei rauskam, war die Erkenntnis, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften dich quasi zum Schlaflosigkeits-Kandidaten machen. An erster Stelle steht dabei ein Merkmal, das in der Psychologie Neurotizismus heißt. Klingt schlimmer als es ist, bedeutet aber im Grunde: Du neigst dazu, häufiger negative Emotionen wie Angst, Stress und Sorgen zu erleben. Und genau diese Eigenschaft kann dafür sorgen, dass dein Gehirn nachts nicht die Klappe hält.

Hyperarousal: Der Grund, warum dein Gehirn nachts auf Koks wirkt

Um zu verstehen, was in deinem Kopf nachts abgeht, müssen wir über etwas sprechen, das Forscher Hyperarousal nennen. Das ist nicht so kompliziert, wie es klingt. Dein Nervensystem hat einen An-Aus-Schalter, der bei dir einfach auf An festgeklebt ist. Hyperarousal bedeutet, dass du in einem Dauerzustand der Übererregung feststeckst, und zwar auf drei Ebenen gleichzeitig.

Erstens, kognitiv: Dein Gehirn rattert wie eine kaputte Waschmaschine. Wissenschaftler haben tatsächlich gemessen, dass Menschen mit chronischer Schlaflosigkeit schnellere EEG-Wellen zeigen, selbst wenn sie eigentlich entspannen sollten. Das sind Beta- und Gamma-Aktivitäten, die normalerweise auftreten, wenn du konzentriert arbeitest oder aktiv denkst – nicht, wenn du eigentlich schlafen solltest. Dein Gehirn ist also buchstäblich im falschen Modus.

Zweitens, emotional: Du fährst bei Kleinigkeiten hoch wie andere bei Großkrisen. Dein Stresslevel ist chronisch erhöht, und selbst wenn objektiv betrachtet gerade alles okay ist, fühlt es sich an, als müsstest du jeden Moment auf eine Bedrohung reagieren. Dein emotionales System hat vergessen, wie man runterfährt.

Drittens, physiologisch: Dein Körper macht mit beim Chaos. Erhöhter Puls, angespannte Muskeln, vielleicht schwitzt du sogar. Während andere Menschen im Bett zur Ruhe kommen, ist dein Körper im Kampf-oder-Flucht-Modus. Nur dass es keinen Kampf und keine Flucht gibt, sondern nur ein nerviges Kissen und eine Decke, die irgendwie nie richtig liegt.

Die Persönlichkeits-Fallen, die dich wachhalten

Eine umfassende Übersichtsarbeit von der Forscherin Anna Heidbreder und ihrem Team aus dem Jahr 2023 hat genauer analysiert, welche Persönlichkeitsmerkmale Menschen zu chronisch schlechten Schläfern machen. Die Ergebnisse sind so präzise, dass du dich wahrscheinlich ertappt fühlen wirst.

Der Neurotizismus-Faktor: Willkommen im Sorgenkarussell

Menschen mit hohem Neurotizismus haben es besonders schwer. Das Problem ist nicht, dass sie generell ängstlicher oder gestresster sind – obwohl das auch stimmt. Das eigentliche Problem ist, dass ihr Gehirn auf Stressoren empfindlicher reagiert und dann einfach nicht wieder runterkommt. Es ist, als würde jemand bei dir im Kopf ständig alle Alarmglocken läuten lassen, und es gibt keinen Notausschalter.

Kleine Alltagsprobleme werden im Kopf zu Katastrophen aufgeblasen, sobald das Licht aus ist. Das Gehirn dieser Menschen bleibt in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, selbst wenn rational betrachtet gerade überhaupt nichts Bedrohliches passiert. Das limbische System arbeitet auf Hochtouren, während der Rest des Körpers verzweifelt nach Ruhe schreit.

Perfektionismus: Die selbstgemachte Hölle

Hier wird es richtig fies, weil unsere Gesellschaft Perfektionismus oft als positive Eigenschaft verkauft. Aber die Forschung unterscheidet zwischen gesundem und maladaptivem Perfektionismus. Letzterer ist der Typ, der dich nachts wachhält. Es geht nicht darum, dass du gute Arbeit leisten willst. Es geht darum, dass nichts jemals gut genug ist und du dich selbst dafür zerfleischst.

Perfektionisten haben massive Probleme beim Einschlafen, weil sie den Tag noch mal komplett durchspielen. Jeder vermeintliche Fehler wird analysiert. Jede Kleinigkeit, die schiefgegangen sein könnte, wird aufgeblasen. Und dann planst du den nächsten Tag bis ins absurdeste Detail, aus Angst, irgendetwas könnte nicht perfekt laufen. Diese kognitive Hyperaktivität ist wie ein mentaler Roadblock, der den natürlichen Übergang in den Schlaf komplett blockiert.

Grübeln: Der Schlafkiller Nummer eins

Das ist vielleicht das charakteristischste Merkmal von Menschen, die chronisch schlecht schlafen. Während die meisten nach einem langen Tag ins Bett fallen und froh sind, endlich abschalten zu können, startet bei dir erst das große Gedankenkarussell. Die Forschung zeigt, dass dieses Grübeln nicht nur ein Symptom ist, sondern aktiv die Schlaflosigkeit aufrechterhält.

Das Tückische ist der Meta-Level: Du fängst an, über den Schlaf selbst zu grübeln. Wenn ich jetzt einschlafe, habe ich noch fünf Stunden. Wenn ich in zehn Minuten einschlafe, sind es nur noch vier Stunden und fünfzig Minuten. Oh Gott, morgen bin ich total fertig. Dieser Teufelskreis macht alles nur schlimmer. Die Angst vor der Schlaflosigkeit wird selbst zum Grund für noch mehr Schlaflosigkeit.

Die versteckten Faktoren, über die niemand spricht

Die Forschungsteams haben noch weitere faszinierende Muster entdeckt. Manche der fünf Schlaflosigkeits-Typen zeigen eine erhöhte Belohnungssensitivität. Das bedeutet, diese Menschen reagieren besonders stark auf positive Reize und können sich schwer von aufregenden Gedanken oder Plänen lösen. Ihr Gehirn klebt im Vorfreude-Modus fest, selbst wenn es längst Zeit wäre zu schlafen. Die Vorstellung von morgigen Ereignissen oder spannenden Projekten hält sie wach wie andere Kaffee.

Andere wiederum zeigen extreme Stressreaktivität. Diese Menschen reagieren auf kleine Alltagsprobleme, als wären es existenzielle Krisen. Ihr Nervensystem fährt bei Kleinigkeiten hoch und braucht ewig, um sich wieder zu beruhigen. Der Reset-Knopf funktioniert einfach nicht richtig, oder er ist so langsam, dass die nächste Stresswelle schon anrollt, bevor die letzte abgeklungen ist.

Warum du trotzdem fertig aufwachst, obwohl du lange genug im Bett lagst

Hier kommt der richtig frustrierende Teil: Selbst wenn du es schaffst, sieben oder acht Stunden im Bett zu bleiben, wachst du trotzdem auf, als hätte dich ein Lkw überfahren. Der Grund ist die Schlafqualität, nicht nur die Schlafdauer. Das ist ein riesiger Unterschied, den viele Menschen nicht verstehen.

Die erhöhte Gehirnaktivität, die Forscher bei Menschen mit Hyperarousal messen, bedeutet, dass dein Gehirn auch während des Schlafs nie richtig in den Regenerationsmodus schaltet. Die Tiefschlafphasen, in denen der Körper sich wirklich erholt und das Gehirn aufräumt, sind kürzer oder weniger effektiv. Dein Gehirn bleibt in einem Zustand erhöhter Wachsamkeit, als müsste es jederzeit bereit sein, auf Gefahren zu reagieren – nur dass diese Gefahren nicht existieren.

Diese chronische Übererregung führt zu etwas, das Forscher emotionale Dysregulation nennen. Deine Fähigkeit, Emotionen angemessen zu verarbeiten und zu regulieren, wird beeinträchtigt. Du bist reizbarer, schneller überfordert, ängstlicher und generell weniger belastbar. Und das erhöht natürlich wieder den Stress, was den Schlaf noch schlechter macht. Ein perfekter Teufelskreis, der sich selbst füttert.

So erkennst du, ob du betroffen bist

Die Wissenschaft hat ziemlich konkrete Merkmale identifiziert, an denen du erkennst, ob du zu den chronisch schlechten Schläfern gehörst. Das sind keine vagen Beschreibungen, sondern spezifische Muster, die in den Studien immer wieder auftauchen:

  • Du liegst regelmäßig länger als dreißig Minuten wach, obwohl du eigentlich müde bist
  • Deine Gedanken kreisen im Bett um Probleme, Pläne oder Sorgen, und du kannst sie einfach nicht stoppen
  • Du analysierst mental den vergangenen Tag und ärgerst dich über Dinge, die schiefgelaufen sind
  • Kleine Alltagsprobleme fühlen sich im Bett plötzlich überwältigend groß an
  • Du spürst körperliche Anspannung, selbst wenn du versuchst zu entspannen
  • Du machst dir Sorgen darüber, nicht genug Schlaf zu bekommen, was die Situation noch schlimmer macht

Nach aufregenden Ereignissen, positiven wie negativen, hast du massive Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen. Dein System bleibt hochgefahren, egal wie sehr du versuchst, runterzukommen. Das sind alles Zeichen dafür, dass bei dir das Hyperarousal-Modell greift und deine Persönlichkeitsmerkmale deinen Schlaf sabotieren.

Was die Forschung über Hoffnung sagt

Das Geniale an der modernen Schlafforschung ist, dass sie Schlafprobleme nicht mehr als unspezifisches Leiden betrachtet. Die Arbeiten der Forschungsteams zeigen, dass es unterschiedliche Typen gibt – und genau deshalb gibt es auch für jeden Typ spezifische Lösungsansätze. Das ist keine Einheitslösung nach dem Motto „trink warme Milch und zähl Schafe“.

Die Erkenntnis, dass Persönlichkeitsmerkmale wie Neurotizismus oder Perfektionismus dich prädisponieren, bedeutet nicht, dass du für immer verdammt bist, schlecht zu schlafen. Es bedeutet vielmehr, dass du verstehen kannst, warum dein Gehirn nachts nicht abschaltet – und mit diesem Wissen gezielt gegensteuern kannst.

Die Forschung zum Hyperarousal-Modell hat außerdem gezeigt, dass dieser Zustand der chronischen Übererregung nicht in Stein gemeißelt ist. Durch gezielte Interventionen lässt sich die Aktivierung des Nervensystems tatsächlich regulieren. Das können Entspannungstechniken sein, kognitive Verhaltenstherapie oder Änderungen der Schlafhygiene – aber eben zugeschnitten auf deinen spezifischen Typ.

Von der Erkenntnis zur Verbesserung

Das Verstehen deiner persönlichen Schlaflosigkeits-Signatur ist mehr als nur interessante Selbsterkenntnis. Es ist der Schlüssel zu tatsächlicher Veränderung. Wenn du weißt, dass dein Perfektionismus dich wachhält, kannst du bewusst Rituale entwickeln, die dir helfen, den Tag mental abzuschließen. Wenn du erkennst, dass dein hohes Neurotizismus-Level dich nachts in Sorgenspiralen treibt, kannst du tagsüber präventiv daran arbeiten, deine Stressresilienz zu stärken.

Die niederländische Forschung macht deutlich, dass die fünf verschiedenen Typen von Schlaflosigkeit unterschiedliche Ansätze brauchen. Ein Typ, der hauptsächlich durch Belohnungssensitivität getrieben ist, braucht andere Strategien als jemand, dessen Problem primär in extremer Stressreaktivität liegt. Das zu verstehen, ist fundamental.

Chronisch schlechter Schlaf ist kein Charakterfehler und auch kein unausweichliches Schicksal. Es ist ein komplexes Zusammenspiel von Persönlichkeit, Gehirnfunktion und erlernten Verhaltensmustern. Und genau deshalb gibt es auch Wege heraus. Die Studien zeigen, dass Menschen, die ihre spezifischen Muster erkennen und darauf zugeschnittene Strategien entwickeln, tatsächlich signifikante Verbesserungen erzielen können.

Das nächste Mal, wenn du um zwei Uhr morgens wach liegst und dich fragst, warum ausgerechnet du zu denen gehörst, die nicht einfach einschlafen können, denk dran: Du bist weder allein noch machtlos. Millionen von Menschen weltweit haben dasselbe Problem, und die Wissenschaft versteht inzwischen ziemlich genau, warum. Das Verständnis deiner persönlichen Schlaflosigkeits-Signatur ist der erste konkrete Schritt auf dem Weg zu erholsamen Nächten. Mit den richtigen Strategien, die auf dein spezifisches Profil zugeschnitten sind, lässt sich dieser Teufelskreis tatsächlich durchbrechen.

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