Kichererbsen haben sich längst von der exotischen Rarität zum Supermarkt-Standard entwickelt. Ob für cremigen Hummus, proteinreiche Bowl-Gerichte oder knusprig geröstet als Snack – die goldgelben Hülsenfrüchte sind aus deutschen Küchen nicht mehr wegzudenken. Indien ist der weltgrößte Produzent und liefert etwa 70 Prozent der weltweiten Ernte. Doch wer im Supermarkt zur Dose oder Tüte greift, stellt schnell fest: Die Frage nach der tatsächlichen Herkunft bleibt oft unbeantwortet. Statt präziser Angaben finden sich vage Formulierungen, die kaum Aufschluss geben.
Warum bei Kichererbsen die Transparenz fehlt
Frisches Gemüse kennen wir mit klaren Herkunftsangaben. Spanische Tomaten, deutsche Kartoffeln, polnische Gurken – die Etiketten verraten uns genau, woher die Ware stammt. Bei getrockneten oder konservierten Kichererbsen sieht das anders aus. Hier dominieren schwammige Angaben wie „EU/Nicht-EU“ oder „aus verschiedenen Ursprungsländern“ die Verpackungen. Diese Formulierungen sind rechtlich zulässig, sagen aber praktisch nichts aus.
Der Grund liegt in den Kennzeichnungsvorschriften: Verarbeitete Hülsenfrüchte unterliegen nicht denselben strengen Transparenzpflichten wie frisches Obst und Gemüse. Hersteller können sich hinter Mindestangaben verstecken, ohne konkret zu werden. Das Resultat ist eine Informationslücke, die besonders gesundheitsbewusste Käufer frustriert.
Herkunft macht einen Unterschied
Für viele mag die geografische Herkunft nebensächlich erscheinen – schließlich sind Kichererbsen überall Kichererbsen. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Anbauregion durchaus relevant ist.
Böden, Klima und Nährstoffe
Mineralreiche Böden und optimale klimatische Bedingungen beeinflussen die Nährstoffdichte von Hülsenfrüchten messbar. Kichererbsen aus Regionen mit idealen Wachstumsbedingungen können höhere Gehalte an Proteinen, Eisen und Magnesium aufweisen als solche aus weniger geeigneten Anbaugebieten. Wer Kichererbsen gezielt als Nährstoffquelle nutzt, hat ein berechtigtes Interesse an dieser Information.
Transportwege und Produktqualität
Auch getrocknete Lebensmittel altern. Lange Lager- und Transportzeiten können sich auf Geschmack, Textur und Kochverhalten auswirken. Kichererbsen aus nahegelegenen Anbaugebieten erreichen schneller die Regale und sind tendenziell frischer als solche, die monatelang unterwegs waren.
Wo Kichererbsen wirklich herkommen
Die globale Kichererbsenproduktion verteilt sich auf mehrere Schlüsselregionen, jede mit eigenen Besonderheiten.
Der Mittelmeerraum
Spanien, Italien, Griechenland und die Türkei kultivieren Kichererbsen seit Jahrtausenden. Das mediterrane Klima mit heißen, trockenen Sommern schafft perfekte Bedingungen. Die Türkei gehört zu den wichtigsten Lieferanten für deutsche Supermärkte. Die kurzen Transportwege und traditionellen Anbaumethoden sprechen für diese Herkunft – vorausgesetzt, sie ist auf der Verpackung überhaupt angegeben.
Indien und Pakistan
Der indische Subkontinent dominiert die weltweite Produktion mit gigantischen Mengen. Hier existiert eine enorme Bandbreite an Anbaumethoden – von kleinbäuerlichen Strukturen bis zu industriellen Großbetrieben. Pakistan exportiert ebenfalls erhebliche Mengen nach Europa. Ohne konkrete Herkunftsangabe bleibt völlig unklar, unter welchen Bedingungen die Kichererbsen angebaut wurden und welche Qualitätsstandards galten.
Australien und Nordamerika
Australien hat sich als bedeutender Exporteur etabliert und beliefert internationale Märkte mit standardisierten Qualitäten. Auch Mexiko spielt eine Rolle im globalen Handel. Die langen Transportwege bedeuten längere Lieferketten – ein Faktor, der Frische und ökologischen Fußabdruck beeinflusst.
Kichererbsen aus Deutschland
Bis vor wenigen Jahren waren Kichererbsen hierzulande praktisch unbekannt als Anbaukultur. Das gemäßigte Klima eignet sich nur bedingt für die wärmeliebenden Pflanzen. Doch experimenteller Anbau nimmt zu: Von etwa 300 Hektar im Jahr 2021 stieg die Anbaufläche auf geschätzte 1.300 bis 1.500 Hektar 2024. Das bleibt winzig im internationalen Vergleich, zeigt aber wachsendes Interesse an regionalen Alternativen. Projekte in der Rheinebene testen hitzetolerante Sorten, und mit dem Klimawandel könnte der heimische Anbau perspektivisch wichtiger werden.

Was auf den Verpackungen wirklich steht
Ein Rundgang durch den Supermarkt offenbart ernüchternde Realitäten. Die meisten Kichererbsen-Produkte tragen nur minimale Herkunftsangaben:
- „EU/Nicht-EU“: Diese Angabe ist praktisch wertlos. Sie bedeutet lediglich, dass die Ware irgendwo auf dem Planeten gewachsen ist – mehr nicht.
- „Verschiedene Ursprungsländer“: Hier werden Kichererbsen aus unterschiedlichen Quellen gemischt. Rückverfolgbarkeit? Ausgeschlossen.
- „Verpackt in Deutschland“: Bezieht sich nur auf den Abfüllort, nicht auf den Anbau. Eine irreführende Suggestion von Regionalität.
Wie man trotzdem mehr erfährt
Wer nicht im Dunkeln tappen möchte, hat einige Optionen. Zunächst lohnt der Vergleich verschiedener Marken: Einige Hersteller geben freiwillig konkrete Herkunftsländer an. Diese Produkte kosten oft etwas mehr, bieten aber echte Transparenz.
Direkter Kontakt funktioniert ebenfalls. Hersteller sind verpflichtet, auf Nachfrage Auskunft über Rohstoffquellen zu geben. Eine Mail an den Kundenservice kann überraschend detaillierte Antworten bringen. Bio-Zertifizierungen helfen indirekt: Die Kontrollmechanismen erfordern dokumentierte Lieferketten, was häufig zu präziseren Herkunftsangaben führt.
Spezialisierte Händler wie Bioläden oder Reformhäuser legen traditionell mehr Wert auf Transparenz als Discounter. Hier finden sich öfter Produkte mit nachvollziehbarer Herkunft und zusätzlichen Informationen zu Anbaumethoden.
Konserve oder Trockenware
Bei Konserven-Kichererbsen kommen zusätzliche Fragen hinzu: Wo fand die Verarbeitung statt? Welche Zusatzstoffe wurden verwendet? Getrocknete Kichererbsen sind weniger verarbeitet und transparenter – wenn die Herkunft angegeben ist. Für alle, die minimal verarbeitete Lebensmittel bevorzugen, sind Trockenprodukte meist die bessere Wahl.
Politische Dimension und Verbrauchermacht
Die Intransparenz ist kein Naturgesetz, sondern Resultat laxer Vorschriften. Verbraucherschützer fordern seit Jahren strengere Kennzeichnungspflichten für alle Lebensmittel. In Zeiten regelmäßiger Lebensmittelskandale und wachsendem Bewusstsein für Ernährungsqualität ist Transparenz ein grundlegendes Recht, kein Bonus.
Jeder Einkauf ist eine Abstimmung. Wer gezielt zu Produkten mit klaren Angaben greift und dies kommuniziert, macht Transparenz zum Wettbewerbsfaktor. Händler und Hersteller reagieren auf Nachfrage – wenn sie deutlich genug ist.
Wachsende Nachfrage trifft auf Informationslücke
Vegetarische und vegane Ernährung haben Kichererbsen zum Mainstream-Produkt gemacht. Als pflanzliche Proteinquelle sind sie unverzichtbar geworden. Deutschland importierte 2022 rund 14.100 Tonnen, Tendenz steigend. Gleichzeitig wächst der heimische Anbau, wenn auch auf bescheidenem Niveau.
Die Diskrepanz zwischen wachsendem Interesse und mangelnder Information ist auffällig. Verbraucher wollen wissen, was sie essen – gerade bei Produkten, die sie bewusst für gesunde Ernährung wählen. Die Herkunftsfrage ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern berührt Qualität, Nachhaltigkeit und Verbraucherrechte gleichermaßen. Wer seine Ernährung ernst nimmt, sollte diese Informationen einfordern können, ohne Detektivarbeit leisten zu müssen. Die systematische Verschleierung grundlegender Produktinformationen ist weder zeitgemäß noch akzeptabel.
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